„Haut rein!” 

Die Woche mit Jamie-Oliver-Mittagessen in Berliner Schulen geht zu Ende / Von Mechthild Küpper 

BERLIN, 2. Dezember. So gut kann kein Essen schmecken, als dass Kinder nicht gern zwischen den Bissen genüsslich und laut aufzählten, was sie so alles verachten..,Brokkoli, Blumenkohl, Weißkohl-, ruft Mustafa begeistert, während er sein vegetarisches Rostbratwürstchen und das Kartoffelpüree isst. Die Baked beans hat er weggelassen. Die schmecken ihm nicht. Probiert hat er sie nicht. Es drängt ihn auch niemand dazu. Und als er sich ein zweites Würstchen holt, schimpft auch niemand. Mustafas Schule, die Wilhelm Hauff-Grundschule im Stadtteil Wedding —630 Kinder in einer Gegend, die als „sozialer Brennpunkt gilt, 80 Prozent der Kinder stammen aus Elternhäusern mit nichtdeutscher Herkunftssprache, zwei Drittel der Eltern gelten als sozial bedürftig -‚ war eine von fünfzig Berliner Schulen, die in dieser Woche Mittagessen nach Rezepten von Jamie Oliver serviert bekamen. Und Mustafa war einer von 4500 Schülern, der das extragesunde Schulessen des prominenten englischen Fernsehkochs testen konnte. Zu Bohnen, Äpfeln und Saft interviewt zu werden, findet Mustafa klasse. Aber seine Lieblingsessen stehen nun mal fest: Döner, Pizza - „und Cheeseburger über alles. Die zarte Melis - ihr Lieblingsgericht ist Spinat mit Spiegeleiern - isst den Kartoffelbrei mit Baked beans. Das berüchtigte Gericht aus der Büchse ist hier in Wirklichkeit eine schmackhaft zubereitete Gemüsesauce, in der auch weiße Bohnen schwimmen. Danach das Bananenporridge. Siefindet es „besonders - „Es schmeckt selbstgemacht. Leon, dessen Vater aus England stammt, ihn aber wohl zum Frühstück nicht mit Porridge belästigt, meint: „Schmeckt ein bisschen nach Brot. Leon liebt Spaghetti mit Tomatensauce und Kartoffelsalat; sein Dessert lässt er schließlich stehen. Mustafa ist derweil schon fort zum Spielen, Melis verspeist bedächtig die Bananenspeise, und ihre Freundin Leonarda guckt zu. Sie ist allergisch, auch gegen Bananen. Schulessen ist ein heißes Thema, nicht erst seit Jamie Oliver das, was englische Schüler zum Lunch bekamen, skandalisierte und dafür sorgte, dass in tausend Schulen der Insel das Essen besser wurde. Viele Kinder kommen ohne Frühstück in die Schule. Sie essen und trinken viel zu viel Süßes und Fettes und bewegen sich zu wenig. Weil die Wilhelm-Hauff-Grundschule in einer schwierigen Gegend liegt, hat sie vom dortigen .‚Quartiersmanagement Hilfe beim Ausbau ihres Schulhofs bekommen. Auf einer richtigen Aschenbahn und an neuen großen Klettergeräten können sich die Kinder austoben. Das Quartier, sagt die Direktorin Manchen Aden, ist im „Sozialatlas Berlins als eines verzeichnet, in der Kinder besonders häufig Ernährungsmängel und Übergewicht haben. In der Hauff-Schule können die Kinder morgens Milch oder Kakao bestellen. Für den Preis von einem Euro können sie ein frisch belegtes Körnerbrötchen samt einem Stück Obst kaufen, so dass niemand das Frühstück durch süßes Gebäck ersetzen muss. Mitarbeiter einer Beschäftigungsgesellschaft bereiten die Brötchen in der Schule zu. Innerhalb der ersten 100 Minuten gibt es in jeder Klasse eine Frühstückspause. Die Hauff-Schule ist eine verbindliche Halbtagsschule mit einem Montessorizweig und einem Hort. Sie will dazu beitragen, dass sich die Verhältnisse im Kiez bessern. Kunst ist ihr Angebot an die Kinder, sich zu äußern, was man schon in den Fluren überall sieht. Wer nach dem Unterricht den Hort besucht - zurzeit sind das 92 Kinder -‚ isst dort zu Mittag, bevor es bis 18 Uhr ans Spielen oder an die Hausaufgaben geht. Eine Küche mit großer Durchreiche zum lichten Speisesaal mit Tischen und Stühlen in Kindergröße steht bereit. Die Tische sind mit richtigem Geschirr gedeckt. In drei bis vier Styroporkästen wird das Essen um zwölf Uhr geliefert und warmgehalten. Die Kinder essen in drei Gruppen. Die erste fängt um halb eins an, die zweite nach der fünften Stunde um viertel nach eins und die dritte um viertel vor zwei. Ein Erwachsener deckt die Tische, die Kinder nehmen Platz und bedienen sich aus Schüsseln, die auf den Tisch gestellt werden, sobald eine Tischgemeinschaft vollständig ist. Sie essen erstaunlich ruhig und erstaunlich gesittet mit Messer und Gabel. Zu trinken gibt es Saft oder Schorle. Auch einige Erwachsene essen mit - für sie kostet eine Mahlzeit nur etwas mehr als für die Kinder. Die meisten Eltern sind beim Schulessen kostenbewußter als in der Bäckerfiliale oder am Schnellimbiss. Was während der Jamie-Oliver-Woche aufgetischt wurde, soll den Verantwortlichen dabei helfen, dem Essen der Kinder mehr Aufmerksamkeit und Wert beizulegen. Olivers Gerichte haben den Berliner Schulmensen auch auf den Tellern spürbar internationalen Flair gegeben: Am Montag gab es „Super Gemüse Chow Mein mit Käsewürfeln, am Dienstag „Gemüsecurry mit Kartoffeln, am Mittwoch „Gemüsegulasch mit Kartoffeltalern und am Freitag „Süßkartoffeln und Linsen Korma mit Fladenbrot. Schweinefleisch gibt es an der Hauff-Schule grundsätzlich nicht. Oliver ließ ausrichten: „Hi, guys, haut rein. Das Essen, das die Firma „Luna seit August an etliche öffentliche Schulen liefert, ist Vollwertkost und hat einen Bio-Anteil von zehn Prozent. Mit sechs anderen Bio-Unternehmen hat „Luna die Berliner Jamie-Oliver-Mittagessen-Woche ermöglicht. Frau Aden berichtet von Bestrebungen. mehr Bio-Anteile ins Schulessen zu bringen. Die Aktion „Feed me better - Berlin wird die Kinder nach genossenen Oliver-Lunches befragen und dann entscheiden, wie es weitergeht. Die Berliner Schulverwaltung ist stolz auf ihre Empfehlungen zu Qualitätsanforderungen für Schulverpflegung, die gemeinsam mit der AOK Berlin 2003 bis in einzelne Musterspeisepläne hinein formuliert wurden. Jamie Oliver hat die trockene Prosa in ein paar kindgerechte Gerichte übersetzt und ihnen mit seiner Prominenz sogar einen Hauch von Glamour verliehen. Mal sehen, wie die Mischung den Berliner Schülern und Schulen bekommen ist.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.05, Auflage: 377.000

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